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Modernes Einfamilienhaus

Weltweit erstes Aktivhaus

15. Oktober 2020 Kommentare deaktiviert für Harmonie krasser Gegensätze Views: 1851 Hausideen

Harmonie krasser Gegensätze

Erstaunlich gut harmonieren die beiden aus architektonischer Sicht krassen Gegensätze – ein puristischer, großflächig verglaster Neubau und ein saniertes, gut 130 Jahre älteres Hinterhaus eines denkmalgeschützten Ensembles. Der Zeitsprung vom 19. ins 21. Jahrhundert gelang der Architektin Annien Röder in Dresden-Wachwitz durch den Kunstgriff einer dezent verbindenden Glasfuge sowie einen Neubau, der sich farblich abstimmt und durch seine Transparenz und Leichtigkeit in seiner Präsenz zurücknimmt. Weite Teile der Fassadenflächen werden durch den Einsatz von groß dimensionierten Verglasungen sowie Hebe-Schiebeanlagen in den Erdgeschossfassaden optisch und funktional durchlässig.

Hangansicht des Neubaus: Eine über 15 m lange Hebe-Schiebetüranlage im EG ermöglicht ganzjährige Ausblicke bis hinab zu den Elbauen. Im geöffneten Zustand geht der Wohnraum übergangslos in den Naturraum über. Bild: Schüco

Hangansicht des Neubaus: Eine über 15 m lange Hebe-Schiebetüranlage im EG ermöglicht ganzjährige Ausblicke bis hinab zu den Elbauen. Im geöffneten Zustand geht der Wohnraum übergangslos in den Naturraum über. Bild: Schüco


Das Grundstück befindet sich in Hanglage inmitten eines ehemaligen Weinanbaugebietes östlich des historischen Pfades „Ohlsche“. Das zu Dresden gehörende ehemalige Dorf Wachwitz, unmittelbar am rechten Elbeufer gelegen, nimmt mit seiner weitgehend homogen historischen Bebauung aus mehreren Jahrhunderten das Thema Denkmalschutz vorweg. Auch das von Natursteinmauern  begrenzte Grundstück an der Ohlsche wies ursprünglich ein als schützenswert eingestuftes Gebäudeensemble auf: ein 1880 erbautes Haupthaus, das 1882 um ein separates Waschhaus ergänzt worden war und 1892 ein zusätzliches Gästehaus erhalten hatte.

Zustand vor dem Umbau: Das Ensemble aus den 1880er Jahren, gelegen an dem historischen Pfad "Ohlsche" in Dresden-Wachwitz, bestand aus einem Haupthaus und einem zweiteiligen Hinterhaus, in dem sich Stallungen und Wirtschaftsräume befanden. Bild: Schüco

Zustand vor dem Umbau: Das Ensemble aus den 1880er Jahren, gelegen an dem historischen Pfad „Ohlsche“ in Dresden-Wachwitz, bestand aus einem Haupthaus und einem zweiteiligen Hinterhaus, in dem sich Stallungen und Wirtschaftsräume befanden. Bild: Schüco

Denkmalschutz berücksichtigt

Aufgrund des sehr schlechten Allgemeinzustandes des Vorderhauses sollte dieses abgerissen werden. Lediglich das Hinterhaus wollten die Bauherren erhalten und sanieren. Das Interesse am Kauf des 3.200 m² großen Hanggrundstücks verdichtete sich mit der Kooperationsbereitschaft der zuständigen Denkmalschutzbehörden. Dort zeigte man Einsicht, dass die Sanierung des Haupthauses aufgrund des sehr schlechten Zustandes kaum möglich und sinnvoll sein würde. Lediglich das Hinterhaus und die Einfriedungen mussten erhalten bleiben, und als weitere wesentliche Auflage sollte sich der Neubau mit seinem Grundriss und in seiner Ausdehnung an dem ehemaligen Gebäude orientieren und generell optisch mit der Bestandsbebauung harmonieren.

Aufgrund des schlechten Bauzustandes gestattete das Denkmalschutzamt den Abbruch des Haupthauses. Der Neubau musste sich in Grundriss und Höhe weitgehend an der historischen Bebauung orientieren. Die gläserne Fuge zwischen den beiden Baukörpern dient der optisch unauffälligen Trennung und funktionalen Verbindung der Baukörper. Bild: Schüco

Aufgrund des schlechten Bauzustandes gestattete das Denkmalschutzamt den Abbruch des Haupthauses. Der Neubau musste sich in Grundriss und Höhe weitgehend an der historischen Bebauung orientieren. Die gläserne Fuge zwischen den beiden Baukörpern dient der optisch unauffälligen Trennung und funktionalen Verbindung der Baukörper. Bild: Schüco

Intelligente Verbindung durch Glasfuge

Das zuständige Stadtplanungsamt hatte während der Abstimmungen auch die Länge und die zweigeschossige Höhe des neu zu erstellenden Baukörpers bestimmt, und es genehmigte die Erweiterung um einen eingeschossigen Riegel nach Südosten heraus. Das große konzeptionelle Diskussionsthema indes sollte der Übergang zwischen Alt- und Neubau werden. Einerseits war klar, dass eine Zusammenführung der beiden Nutzungszonen erfolgen musste, andererseits würde dies ohne deutliche optische Abtrennung kaum genehmigungsfähig sein. Die Architektin löste diesen Widerspruch elegant auf, in dem sie für die Verbindung eine gläserne Fuge entwarf, die aufgrund ihrer optischen Leichtigkeit und Neutralität die Autonomie der beiden angrenzenden Baukörper gewährleisten sollte. In diese Fuge hinein verlegte sie die Erschließungs- und Übergangszonen der beiden Häuser auf zwei Ebenen und den Eingangsbereich mit seinem großzügigen zweigeschossigen Luftraum. Um die filigran profilierte und mit großen, ungeteilten Glasflächen versehene Fassadenkonstruktion so schlank wie möglich zu halten wurde hier anstelle einer Außenbeschattung ein Sonnenschutzglas in den dreischaligen Glasaufbau integriert. Dessen deutlich reduzierter g-Wert beugt der sommerlichen Überhitzung vor, und durch die leicht getönte Farbabweichung zur Regelverglasung erhält die Glasfuge ihre eigenständige Optik.

Die Autonomie beider Gebäude bleibt auch über die separierten Nutzungen gewahrt. Das historische Hinterhaus verfügt über einen eigenen Zugang von außen, und bei Bedarf könnten auch die derzeit offenen Zugänge an der Erschließungszone verschlossen werden. Aktuell befindet sich ein Büroraum im OG und Wirtschaftsräume im EG – der Bereich wäre ebenso in eine separate Seniorenwohnung oder in zusätzlichen Wohn- und Arbeitsraum für Kinder umfunktionierbar.

Der Wohnraum ist nahezu vollständig durch transparente, öffenbare Systeme definiert. Nordost- und Südwest-Seite lassen sich durch die Schiebetüren variabel öffnen. Bild: Schüco

Der Wohnraum ist nahezu vollständig durch transparente, öffenbare Systeme definiert. Nordost- und Südwest-Seite lassen sich durch die Schiebetüren variabel öffnen. Bild: Schüco

Der Neubau: puristisch, licht und offen

Der Neubau entspricht mit seiner funktionalen Raumaufteilung und Materialität vollständig den Vorstellungen der Bauherren. Aufgrund der besonderen Lage des Grundstückes in den ehemaligen Weinbergen, die heute bewaldet sind, besteht die zentrale Entwurfsidee der Architektin darin, die Natur in das Haus zu holen und die Verbindung von Außenraum und Innenraum herzustellen. Diese wird auf unterschiedlichen Ebenen realisiert. Visuelle Durchgängigkeit wird durch transparente Systembauteile – Fenster, Türen, Verglasungen – erzielt, die an allen Fassadenflächen mit Ausnahme der zur Ohlsche gewandten Seite großflächig dimensioniert sind. Auf dieser Gebäudeseite werden im Obergeschoss Kinderzimmer und Bad durch ein horizontal durchgängiges Fensterband belichtet. Nach Südwesten öffnen sich die Schlafräume über die gesamte Raumbreite zur Elbe.

Die Glasfuge zwischen Altbau und Neubau dient als lichte und offene Erschließungszone. Bild: Schüco

Die Glasfuge zwischen Altbau und Neubau dient als lichte und offene Erschließungszone. Bild: Schüco

Im Erdgeschoss wird die Idee der Durchgängigkeit sogar raumüberschreitend umgesetzt: Bei entsprechender Witterung kann der kombinierte Wohn-, Küchen- und Essbereich an der Hang- und Bergseite fast vollständig geöffnet werden – die angrenzende Natur durchdringt förmlich den zur Pergola gewordenen Wohnraum. Zur Hauptterrasse nach Südwesten hin ist ein Dachüberstand so bemessen, dass im Sommer die bauliche Beschattung vor der großen Schiebetüranlage mögliche Hitzestaus im Innenraum vermeidet. Um fließende Übergänge zwischen innen und außen zusätzlich durch Materialien und Farbwahl zu unterstreichen, ist der Deckenputz des Wohnraums nach außen in gleicher Ausführung fortgesetzt, und die Eichendielung taucht in Material und Verlegerichtung als Bodenbelag der Terrasse wieder auf. Die inneren Sichtbetonwände sind dort ebenfalls nach außen bis zur Begrenzung des Baukörpers durchgeführt. Die Fassadenfarben der beiden Baukörper sind der bewaldeten Umgebung angepasst: Durch ihre Brauntöne fügt sich das Ensemble dezent in den Hang ein.

 

Der Neubau steht auf der Grundfläche des Altbaus und wurde lediglich um den eingeschossigen Flügel erweitert. Um fließende Übergänge zwischen innen und außen auch durch Materialien und Farbwahl zu unterstreichen, ist der Deckenputz nach außen in gleicher Ausführung fortgesetzt und die Eichendielung des Wohnraums taucht in Material und Verlegerichtung als Bodenbelag der Terrasse auf. Bild: Schüco

Der Neubau steht auf der Grundfläche des Altbaus und wurde lediglich um den eingeschossigen Flügel erweitert. Um fließende Übergänge zwischen innen und außen auch durch Materialien und Farbwahl zu unterstreichen, ist der Deckenputz nach außen in gleicher Ausführung fortgesetzt und die Eichendielung des Wohnraums taucht in Material und Verlegerichtung als Bodenbelag der Terrasse auf. Bild: Schüco

Energieeffizient und nachhaltig

Trotz umfangreichen Glaseinsatzes sehr gute Energieverbrauchswerte zu erzielen gehörte für die Architektin zu den selbstverständlichen Anforderungen nachhaltiger Planung. Das Objekt erfüllt die Anforderungen an ein KfW-60-Haus, das gemäß EnEV 2007 weniger als 60 kWh Energieverbrauch pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr verbrauchen darf. Diese deutliche Unterschreitung der EnEV-Grenzwerte wird neben der gut gedämmten Gebäudehülle und der durchgängigen Dreifach-Verglasung in hoch isolierten Aluminiumprofilen durch eine effiziente Heizanlage erzielt. Installiert wurde eine Kombination von Erdgas-Brennwerttherme und Klimadecken, die als Ziegeldecken ausgeführt sind. Die Klimadecke funktioniert nach dem Prinzip der Wärmestrahlung.

Ansicht des Ensembles vom Verlauf der Ohlsche, eines mit Naturstein eingefriedeten historischen Pfades im Dresdner Ortsteil Wachwitz (vor und nach dem Umbau): Durch farbliche Harmonie und den Kunstgriff der gläsernen Verbindungsfuge gelingt der Dialog zwischen Alt und Neu. Bild: Schüco

Ansicht des Ensembles vom Verlauf der Ohlsche, eines mit Naturstein eingefriedeten historischen Pfades im Dresdner Ortsteil Wachwitz (vor und nach dem Umbau): Durch farbliche Harmonie und den Kunstgriff der gläsernen Verbindungsfuge gelingt der Dialog zwischen Alt und Neu. Bild: Schüco

Alle Oberflächen werden durch direkt oder indirekt auftreffende Wärmewellen erwärmt und strahlen diese Wärme konvektionsfrei – also ohne die Luftumwälzung konventioneller Heizflächen – in den Raum ab. Es wird also nicht die Raumluft direkt erwärmt, sondern indirekt über alle von der Decke direkt oder indirekt erwärmten Flächen. Die so erzeugte Strahlungswärme wird – nach Aussage der Bauherren – als sehr angenehm und behaglich wahrgenommen. Des weiteren trägt dieses System zur Minimierung der verbrauchten Energie bei, da bei einer um 2°C verringerten Raumtemperatur dieselbe Behaglichkeit erzielt werden kann wie bei der höheren Temperatur. Zudem werden die bekannten Nachteile einer Fußbodenheizung bei der Deckenheizung vermieden. Als weitere Maßnahme zur Steigerung der Energieeffizienz wurden auf dem Flachdach des Neubaus Solarthermie-Module für die Warmwasserbereitung montiert. Und der Kamin ist selbstverständlich mit einem leistungs- und effizienzsteigernden Wasserregister ausgestattet.

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